Sagenforscher Josef Müller

 

Josef Müller wurde als letztes von sechs Kindern einer Bauernfamilie geboren. Er äusserte den Wunsch, Naturwissenschaftler zu werden. In seiner Zeit im Kollegium in Altdorf von 1884 bis 1890 bewogen ihn aber seine "philosophischen und theoretischen Studien" dazu, Pfarrer zu werden. Nach der Matura (Abitur) studierte er 1890/91 Philosophie am Bischöflichen Lyzeum Eichstätt (Mittelfranken). Hier trat er der Sektion "Helvetia Eystettensis" des Schweizerischen Studentenvereins bei. 1891 wechselte er zum Studium der Theologie nach Mailand ans erzbischöfliche Seminar über, wo es Freiplätze für Schweizer Studenten gab, und wurde am 19. Mai 1894 im Mailänder Dom zum katholischen Priester geweiht. Am 3. Juni 1894 feierte er seine Primiz in der Pfarrkirche in Altdorf UR. Anschließend hielt er sich für den IV. theologischen Kurs im Priesterseminar St. Luzi in Chur auf. Ab 1895 war Müller Pfarrhelfer und Lehrer in Spiringen. Ab 1899 war er Pfarrer in Bauen. Am 3. September 1903 wurde er Spitalpfarrer im Kantonsspital Uri; in dieser Tätigkeit resignierte er spätestens 1921, verblieb aber bis zu seinem Tode im Spital.

Quelle: Wikipedia

Der Drapoling von Erstfeld


An einem Schmutzigen Donnerstag geschah es zu Erstfeld, dass zwei Drapolinge einem Geistlichen begegneten, der auf einem Versehgang begriffen war. Der eine von ihnen zog die Larve ab und bezeigte die gebräuchliche Reverenz, der andere hingegen - »der wiëscht Pleger!« - nahm einen Luftsprung, rasselte mit seinen Schellen, kehrte dem Priester den Rücken und klopfte sich den Hintern. Aber die gerechte Strafe Gottes erreichte ihn. Die Larve konnte nicht mehr vom Gesichte entfernt werden, auch nicht, als man den Spötter nach Einsiedeln brachte. Später verbrannte er mit samt seinem Häuschen.  

Müller, Sagen aus Uri   __________________________________________________________________

 

Wanderung nach dem Tode

 

Ein Erstfelder wanderte auf gewohnter Landstrasse der urnerischen Residenz zu. Am Rynächt begegnet ihm eilenden Schrittes der bejahrte Geistliche Johann Josef Baumann, resignierter Pfarrer von Attinghausen, gebürtig von Erstfeld und damals wohnhaft im »roten Turm« in Altdorf. In Altdorf aber vernahm dieser Mann, dass Pfarrer Baumann gestorben sei (1884), und zwar gerade zu der Stunde, da er ihm am Rynächt begegnet war.

Müller, Sagen aus Uri

__________________________________________________________________

 

  

Voraussehen

 

Folgende Begebenheit, die eigentlich nicht zu den Sagen gehört, die ich aber doch mitteilen möchte, erzählte mir 1926 der 53 Jahre alte Alois Furrer, mehrjähriger Gemeindepräsident der grossen und sehr gemischten Gemeinde Erstfeld, ein gewissenhafter und durchaus nüchtern denkender Mann.

Bekanntlich sind anfangs der 80er Jahre in der Ammeten zu Erstfeld zwei Personen vom Blitz erschlagen worden. Nun, einige Zeit vorher schaute ich eines Tages an dieses uns benachbarte Haus hinauf. Ich war so ein junger Bub und sass in unserer Wiese. Auf einmal ging der Balken im Firstkämmerchen auf, ein Mann schaute hinaus, der den Laden aufgetan hatte, und hinter ihm stand ein anderer, mir unbekannter, in schwarzer Kleidung, und schaute ebenfalls hinaus. Dann schloss sich der Laden, und alles war wie vorher. Ich habe niemand gesehen zum oder vom Hause gehen. Ich wusste auch, dass zur Stunde kein Seelenmensch in diesem Hause war. Einige Monate nach dem Blitzschlag kam der Pfarrer in die Ämmeten, liess sich zeigen, wie der Blitz in die Firstkammer und von da durch das Gebäude hinuntergefahren, und genau so, wie ich es an jenem Tage gesehen, ging der Balken der Kammer auf, ein Insasse des Hauses, der ihn aufgetan, stand in der Öffnung und hinter ihm der Pfarrer, dem jener die Sachlage erklärte.

Müller, Sagen aus Uri

 

__________________________________________________________________

 

Todankündende Leichenzüge

 

Vom Wyler bis zur Pfarrkirche in Erstfeld sind vier »Lychghirmänä«, das heisst durch Feldkreuze oder Helgenstöckli bezeichnete Stellen, wo die Leichenzüge anhalten und beten. Ein Erstfelder kehrte von einem nächtlichen Besuche nach Hause zurück. Das milde Licht des Mondes erhellte ihm den Weg. Wie er der Lychghirmi beim Hofacher sich nähert, sieht er bei ihr einen Leichenzug. Deutlich schaut er den schwarzen Sarg im bleichen Mondlicht; er kennt die Sargträger, den Knaben mit dem Grabkreuz, hört die Leute beten. Daheim prophezeit er, in der Nachbarschaft werde es bald eine Leiche geben. Und richtig, am dritten Tage starb der Rütti-Sepp, und die Leichen- und Kreuzträger waren jene, die der nächtliche Wanderer bei der Lychghirmi gesehen hatte.

Müller, Sagen aus Uri

 

__________________________________________________________________

 

Ein merkwürdiger Kamerad

 

Unter dem Honigbirnbaum im sogenannten Seelenmätteli beim Pfarrhof in Erstfeld wollten sich zwei Burschen am Abend treffen; so hatten sie es miteinander verabredet. Als nun der eine von ihnen sich einstellte, siehe! da stand sein Kamerad schon unter dem Baum. »So, so, bisch dü scho da«, sagte er, indem er auf ihn losschritt. Doch der Kamerad läuft ihm davon um den Baum herum. Er lief ihm nach, in der Meinung, es gelte einen Scherz zu machen. Nachdem der Baum zum dritten Mal umkreist war, sprang der vermeintliche Freund in eiligem Laufe davon und setzte mit einem einzigen gewaltigen Sprung über die hohe Friedhofmauer hinweg in den Kirchhof hinüber, wo er sich erstellte und herausfordernd in die Hände klatschte. »Hed äso 'tätschlet«. Aber so klug war denn doch der andere, dass er die Herausforderung nicht annahm und dem Gottesacker fernblieb. Seinen nächtlichen Gang stellte er ein und ging, ohne länger auf den richtigen Gesellen zu warten, nach Hause.  

Müller, Sagen aus Uri

 

__________________________________________________________________

 

Der Mann ohne Kopf

 

Der volle Mond und seine fleissigen Gesellen, die Sterne, beleuchteten hell die einsame, unheimelige Gegend, als Josef Huber, ein herzhafter Erstfelder, auf der Landstrasse von Schattdorf her nach Hause wanderte. Etwas unterhalb der Halten sah er auf einmal durch den Reistzug hinauf einen Bekannten ohne Kopf dahineilen und dann im Gebüsch verschwinden. Am Tage darauf fragte er den Betreffenden, was er dort gesucht habe. Der aber wollte nichts wissen und wies nach, dass er daheim geblieben sei. Acht Tage später wurde das Rätsel gelöst. Hubers Freund verunglückte beim Holzen, und als Leiche brachte man ihn durch jenen Reistzug herunter.

Müller, Sagen aus Uri

__________________________________________________________________

 

Das schatzhütende Gespenst

 

In Erstfeld, da wo der Alpbach aus dem Tobel herausstürzt, nicht weit von der Säge, ist ein furchtbarer Krachen, und dabei hatte sich oft ein Gespenst bemerkbar gemacht. Es war ein scheussliches Ungeheuer, hatte Hinterbeine, Füsse und Kopf eines Pferdes, Arme und Hände eines Menschen und spie Feuerflammen aus dem Maule. Einst wollten unerschrockene Männer an's hin. Aber da wütete und tat es furchtbar und schrie ganz besessen: »Kommt nur, ich will euch in alle Winde zerstreuen.« Da holten sie den Pfarrer und einen Kapuziner. Einer allein wäre ihm nicht Mann's genug gewesen. Diese zwei sprachen es an und erhielten von ihm das Geständnis, es habe einen Haufen Geld gestohlen, und dieses Geld sei in jenem Krachen versteckt. Wenn einer das Geld hole und es den Bestohlenen oder ihren Erben oder den Armen einhändige, so könne es erlöst werden. Aber kein Mensch hat es je gewagt, das Geld zu holen. Endlich[90] bannten es ein Kapuziner und ein Weltgeistlicher. Aber das hat etwas gekostet! Beide waren, als sie ihre Exorzismen beendet, ganz erschöpft und in Schweiss gebadet. Einer allein wäre ihm nie Meister geworden.

Müller, Sagen aus Uri

_________________________________________________________________

 

Geheimnisvolles Kapitel

 

Einige junge Burschen von Erstfeld im Kanton Uri wussten, dass droben auf der Flüe am Ein­gang zum Erstfeldertal das “Michileneli“, die Tocher des Vestermichi, (Silvester Michael Huber), wohne. Eines Tages beschlossen sie, auf Brautschau zu gehen. Schon waren die drei Eidgenossen am Ziele angelangt und machten sich durch eigenartigen Gesang, das sogenannte “Breugen“ bemerkbar. Der Vater Huber war aber mit den wohlmeinenden Absichten aber keineswegs einverstanden und meinte es sei noch nicht an der Zeit für seine Tochter. Kurzum vertrieb er die nächtlichen Freier. Diese ergriffen die Flucht, wobei einer auf Weg und Steg nicht achtend, ins gähnende Tobel und in den tief unten rauschenden Altbach stürzte. Trotz eif­rigen Suchens war der Verunglückte nicht aufzufinden. In der Not seines Herzens ging nun das verängstigte Michileneli in Muotathal zu Dekan Schmid. Dieser gab genau die Stelle an, wo man suchen müsse und dort wurde die Leiche denn auch gefunden.

Aus: Der Pfarrer im Tal (Moutathal)

Michileneli, Magdalene heiratete später den prot.Lokführer Schmid. Ihre 4 Söhne wurden in kirchlichen Angagements der röm.-kat. Kirche tätig 

 

__________________________________________________________________

  

Wolgänger 

 

Einem nächtlichen Wanderer, so haben sie in Erstfeld erzählt, da ich als Knabe dort aufwuchs, begegnete ein Trupp unbekannter Leute, die miteinander plauderten und lachten alsbald ein zweiter und zuletzt ein dritter. Dieser war der schweigsamste, und einer daraus fragte den Wanderer, wiä spat dass syg. Er nannte eine Stunde so um Mitternacht herum, worauf der Fragende entgegnete, äs syg nu wohl friäh. Man glaubte, es seien Wolgänger gewesen, d.h. die Seelen Abgeschiedener, wo ihres Zytt nid erläbt häiget.

Müller, Sagen aus Uri

 

 _________________________________________________________________

 

Walt Gott und Maria

 

Wenn allemal meine Grosseltern, so fährt meine Erzählerin fort, das Berggut verliessen und in das Streiwiriss hinunterzogen, schlossen sie das Berghäuschen, indem sie dabei laut den frommen Spruch beteten: »Walt Gott und Maria!« Da erscholl einmal vom Bockitobel her der klagende Ruf: »Ach Jeerä, nur das: Walt Gott und Maria!« Seitdem beteten sie doch etwas mehr dazu, und die Stimme liess sich nicht mehr hören.

 

Müller, Sagen aus Uri

_________________________________________________________________

 

Ein französischer Soldat

 

der im Jahre 1799 den Pfarrhelfer Püntener tödlich verwundete, soll in einem Kämmerchen des Helferhauses, in welchem er eingesperrt und gebannt ist, spuken. Einst öffnete eine frische, noch unkundige Magd das Zimmer. Bald hernach kam der Soldat heraus und lief eine Strecke weit einem etwa zwölfjährigen Mädchen nach, das sich aber nicht fürchtete, weil es einen weissen Begleiter neben sich her gehen sah.Nach anderen sah man diesen Soldaten in voller Rüstung von Zeit zu Zeit durch die Jagdmattstrasse hin und her gehen.

Müller, Sagen aus Uri

_________________________________________________________________

 

Der gespenstige Hirte

 

 In der Ellbogen-Alp im Erstfeldertal geriet durch die Schuld des faulen Kühhüters ein Stier in die Geissweide und in eine steile, felsichte Kehle, wo er ausglitschte und zutode stürzte. Nachdem dieser Küher gestorben, sahen ihn die Älpler eines Nachts in jener Kehle herumgeistern. Er trug den Stier bergauf. Schon war er mit ihm beinahe in der Kuhweide angelangt, als er ihm von der Schulter fiel und bergab rollte. Der Küher lief ihm nach, lud ihn wieder auf und trug ihn neuerdings durch das Tobel hinauf, um das gleiche Missgeschick zu erfahren. Das dritte Mal reichten seine Kräfte nicht mehr aus, um den Stier von der Stelle wegzutragen. Hätte er ihn das dritte Mal bis oben an das Ende der Kehle und in die Kuhweide gebracht, so wäre er erlöst gewesen.

Müller, Sagen aus Uri

_________________________________________________________________

 

Steghund und Stegkatze

 

In Erstfeld machte der Steghund viel von sich reden. Es war ein schwarzes Tier mit einem grossen, grünen, feurigen Auge auf der Stirne. Eine Person beschrieb ihn mir als rot. Er begegnete oft den Leuten auf der alten Erstfelder-Brücke und wich ihnen immer nach rechts aus, ging also an der linken Hand des ihm begegnenden Wanderers vorbei. Drückten ihn die Leute an den Rand der Brücke, um ihn zu bewegen, auf die andere Seite auszuweichen, dann sprang er auf das Brückengeländer und marschierte darüber her oder warf sich sogar in das Wasser, aber unter keinen Umständen wich er nach links aus. Einer gab ihm einst einen Fusstritt, doch in einem Augenblick war sein Schuh verbrannt und fiel ihm wie Zunder vom Fuss. Dem Wanderer erschien er zuerst ganz klein, dann wuchs er schnell an; im Augenblick, da er an ihm vorbeiging, war er grösser als der grösste Hund. Er kam von Schattdorf her auf der Strasse über den Rynächt, und sein Auge zündete so hell, dass man seine Wanderung aus den höchsten Berggütern in Attinghausen, Erstfeld und Silenen vollkommen beobachten konnte. Ein Älpler, der nachts von Bogli gegen Erstfeld herniederstieg und auf dem Jützstein im Ditschiwald, etwa eine halbe Stunde ob Erstfeld, sich ein wenig erstellte und die Pfeife anzündete, sah ihn ungefähr eine Stunde von Erstfeld, entfernt von Schattdorf her kommen. Da dachte er bei sich: »Da witt etz doch lüegä, ob nitt vor dem zur Briggä magsch!« und sprang in grossen Sätzen dem Talboden und der Brücke zu. Aber wohl! mitten auf der Brücke begegnete ihm das Tier!Er sei auch schon in Surenen und Waldnacht gesehen worden. Seine Wohnung hatte er im Rossgädemli in der Alpbachhostet im Taubach nahe bei dem alten, stattlichen Hause, das im 17. Jahrhundert von Landammann Sebastian Muheim bewohnt und auf den Trümmern des alten Meierturms erbaut worden war.

Müller, Sagen aus Uri

_________________________________________________________________

 

Der weisse Hase

 

In einem Tälchen beim Sackberg in Erstfeld hauste ein Gespenst. Endlich liessen sie den Pfarrer kommen, es zu bannen. Er nahm Buch und Stola zur Hand und befahl zwei starken Männern, ihn fest zu halten, und sagte, es werde dann ein weisser Hase kommen, aber sie sollten nicht erschrecken, das Tier laufen lassen und nur ihn, den Pfarrer, recht fest halten. Dann begann er zu segnen. Das gab aber Arbeit; der Schweiss rann in Bächen über sein Antlitz hinunter. Endlich erschien der weisse Hase; er hatte riesig grosse Ohren und trug mitten auf der Stirne ein einziges glühendes Auge. Wie ein Wetterleich schoss er an ihnen vorbei gegen den Stock hinauf. Oben hörten sie das Gespenst noch rufen: »Jetz chan-i nimmä, jetz chan-i nimmä!« Und seitdem merkten sie nichts mehr von ihm.

Müller, Sagen aus Uri

_________________________________________________________________

 

D'Stund isch da

 

Platti-Liese, ein 1890 im hohen Alter von 100 Jahren verstorbenes Müetterli, hat erzählt: Im Erstfeldertal arbeiteten einst mehrere Männer am Holz. Da hörten sie eine Stimme rufen: »D'Stund isch da, und d'r Mänsch isch nu nit da.« So rief es rasch dreimal nacheinander, und jetzt kam im hellen Lauf ein Mann daher gerannt und wollte an ihnen vorbeieilen. In diesem Augenblick fiel die Tanne und tötete den Eilenden.

Müller, Sagen aus Uri

_________________________________________________________________

 

Die Hexe auf der Lawine

 

Oft sahen die Leute von Erstfeld eine Weibsperson vom Bürtschen her durch die Ortschaft bis nach Wyler wandern. Sie trug ganz schwarzes Gewand, auf dem Kopf ein altmodisches schwarzes Häubchen, am rechten Arm ein Körbchen. Woher und wer sie eigentlich war, wusste niemand. Man munkelte allerlei von ihr, so z.B., dass sie nachts den Leuten das Vieh von den Ketten löse. Als einst die Lawine durch das Wylertal hinunter kam, da war bei Gott! die Hexe vor darauf, sass an einem Spinnrad und spann. Das schlug aber dem Fass den Boden aus. Vier Männer packten sie, als sie einst wieder im Lande war, und in einer Gand im Wylerwald wurde sie auf einen Scheiterhaufen geworfen und verbrannt.

Müller, Sagen aus Uri

_________________________________________________________________

 

Der gestohlene Alpkessel.

 

In einer Erstfelder Alp hatten sie einen heillosen Verdruss wegen dem Alpchessi. Jeden Winter wurde es ihnen gestohlen, und sie konnten dem Dieb gar nicht auf die Spur kommen. Endlich »legten sie dem Dieb den Segen«, das heisst, sie liessen ihn bannen, b'stellen, dass er mit samt seinem Raube musste stehen bleiben, bis die Besitzer selber ihn befreiten. Jetzt hätten sie am nächsten Morgen früh vor Sonnenaufgang in der Alp sich stellen sollen, um ihm das Chessi abzunehmen. Aber sie vergassen es. Als sie nun im nächsten Sommer die Alp bezogen, da stand der Dieb in der offenen Hüttentüre, steif und starr und brandschwarz, das Wellchessi auf dem Rücken; sie betrachteten und erkannten ihn; wie sie ihn antasteten, zerfiel er zu Staub und Asche. Gestohlen wurde ihnen nie mehr.  

Müller, Sagen aus Uri  

__________________________________________________________________

 

Der Bogglikapuziner

 

In der Eigenalp Boggli erschien von Zeit zu Zeit ein Gespenst. Es trug ein braunes, kuttenartiges Kleid, weshalb es die Leute den Bogglikapuziner nannten. Gewöhnlich kam es von der Alp Wanneli her, die in einer Mulde am Abhang des Geissberges liegt, stampfte im Boggli herum und betrat auch das Häuschen, tat aber niemand etwas zuleid. Nach andern kam er aus einem alten Gemäuer im Boggliberg. Einmal übernachteten daselbst der Riseler Josti selig, der alt Fridli und ein junger Bursche. Es hatte »ä wietigä Patsch Schnee gleit«, und immer noch fielen Schneeflocken wie Handschuhe vom Himmel. Als sie ins Bett gingen, sagte der Riseler: »Hinecht het's doch g'wiss am Bogglikapiziner d'Nasä drüss, usem Wannäli firä z'chu.« (Oder: »Hinecht chunder doch gwiss nyt usem Myrli üsä«). Aber wohl! kaum gesagt, war er schon da, stampfte ums Häuschen herum und polterte an die Türe. Schlotternd zog der alt Fridli die Decke über den Kopf und jammerte: »Ei, Herr Jeses, Herr Jesesl der Tyfel, der Tyfel. Hättisch du nur nyt g'seit!« Ein anderes Mal, als es ebenfalls eine Menge Neuschnee gelegt hatte, spotteten die Knechte über den Bogglikapuziner. Der Geissbub warnte sie und sagte, sie sollten nur nicht spotten, sonst komme er gewiss noch; er habe ihn im Wanneli allzuoft gesehen auf einem Steine sitzen. Sie aber lachten und sagten: »Ja, der tät äu nu ä-chly blasä-n-und chüttä da dur dz Boggli üfä!« Kaum war diese Rede zum Munde heraus, polterte er auch schon an der Türe und trat herein. Dem Geissbub, der auf dem Ofenbänkli schlief, gab er so einen Blick, ging an ihm vorbei, trat an das Bett heran, in dem die zwei andern lagen, stützte sich mit den Händen auf den Bettrand, beugte sich vornüber und schaute ihnen ins Gesicht. Dann ging er wieder fort. Zuletzt liess man den Pfarrer kommen, dass er das Berghäuschen aussegne. Während er die Segnung vornahm, sah man etwas wie eine grosse weisse Katze aus dem Häuschen heraus- und gegen den Gaden zu davonlaufen. Damit nahm der Spuk ein Ende.

Müller, Sagen aus Uri

_________________________________________________________________

 

Das Messer im Heu

 

In Erstfeld war ein Bauer mit Heuen beschäftigt. Da kam ein Wirbel in das Heu und drohte, dessen eine ganze Masse in die Lüfte zu entführen. Der Bauer aber nimmt schnell sein Sackmesser und wirft es mit aller Kraft mitten in den aufgewirbelten Knäuel. Der Sturm gab sofort nach, aber das Messer kam nicht mehr zurück und konnte nicht gefunden werden, trotzdem ein Mitarbeiter genau aufgepasst hatte, wohin es fiel. Ein Jahr später machte unser Bauer, der einen bedeutenden Viehhandel betrieb, wie alljährlich, eine Reise durch den Kanton Tessin (Graubünden) hinab und kehrte auch im gewohnten Gasthause ein. Als der Wirt das Gänterli öffnete, um für den Gast ein Glas herauszunehmen, erblickte dieser darinnen sein Sackmesser, das er in jenem Windwirbel verloren hatte und nun an gewissen Merkmalen ganz zuverlässig erkannte. Er liess sich aber nichts anmerken. Die vordern Jahre hatte ihn immer das hübsche Wirtstöchterlein bedient, mit dem er manches Scherzwort gewechselt und manches neckende Redegefecht, bald siegreich, bald geschlagen, bestanden hatte. Das liess sich diesmal nirgends erblicken, und deshalb erkundigte er sich über das Befinden des vermissten Töchterleins. Da nahm der Wirt das verhängnisvolle Sackmesser aus dem Schrank, zeigte es dem Gast, indem er dazu mit finsterer Miene erklärte: »Ja, schau da! dieses Messerchen hat meiner Tochter das Leben gekostet! Sie verstand sich auf Sympathie; während sie einmal bei euch da drüben in Uri einem Bauer im Scherz Heu aufwirbelte, stach ihr der Unflat dieses Messer ins Herz, und daran hat sie sterben müssen. Sollte sich der Besitzer dieses Messers einmal bei mir melden, dem werde ich den Garaus machen!« Man wird begreifen, dass der Urner keine Ansprüche auf das fatale Instrument machte. »Der het da nitt fast g'jützet und isch bald einisch wider g'gangä!«

Müller, Sagen aus Uri

__________________________________________________________________________

 

 

Die unheimliche Nachtherberge.

 

 

Ein Reisender, der von der Surenen her kam und von der Nacht überrumpelt wurde, erblickte im Blattental ob Erstfeld ein Licht, ging darauf los und fand ein altes Häuslein, wo er  anklopfte. Ein altes Müetterli tat ihm auf, liess ihn eintreten und bot ihm Herberge an. Sagte aber, es sei eine arme Seele, die hier ihr Fegfeuer abbüssen müsse. Im nahen Bockitobel aber sei die Hölle. »Ja«, sagte es, »wenn ihr wüsstet, wie viele dort sind! Ich weiss etwas! Es ist so mit verdammten Geistern angefüllt, dass man mit Stosskarren darüber fahren könnte, wenn sie mit Leibern behaftet wären.« Dem Fremden wurde es unheimlich, und er verliess bald die merkwürdige Herberge.

Müller, Sagen aus Uri

___________________________________________________________________________