Früher lebten die Leute fünfzig Jahre plus ewig, heute sind es bloss mehr 85 Jahre. Ja, es ist wahr. Wenn heute die Menschen älter werden, bedeutend älter werden als früher, so scheint mir, dass uns das Leben nach dem Tod nicht mehr so prägt, wie frühere Generationen. Das mag zwar Schwarz-weiss-Malerei sein, aber überlegen wir uns doch einmal: Wen begleitet der Satz aus dem Evangelium: Sammelt euch nicht Schätze, die vergehen, sondern sammelt euch Schätze für das Himmelreich. Oder wer hat nicht schon zustimmend genickt, wenn jemand sagte: Hauptsache ist die Gesundheit. Dabei ist doch die Hauptsache die Liebe, weil nur die Liebe im ewigen Leben bleibt. Ja, wer an das ewige Leben glaubt, für den relativieren sich die Dinge. Geld, Gesundheit auch Leumund und vieles andere mehr werden nicht einfach unwichtig, aber sie verlieren an Gewicht.

Doch wie soll man sich das ewige Leben vorstellen? Kann man es sich überhaupt vorstellen? Ist es nicht einfach etwas völlig anderes? Wir kennen aus den Gleichnissen das Bild vom armen Lazarus im Schoss Abrahams. Jesus vergleicht das ewige Leben des Öfteren mit einem Gastmahl oder einem Hochzeitsmahl. In der Geheimen Offenbarung wird der Himmel als das neue Jerusalem geschildert. Wenn wir das gemeinsame aller biblischen Bilder herauszuschälen suchen, dann kommt wieder die Gemeinschaft zum Vorschein. Himmel, das ist nicht ein eigenes Studio haben mit Dusche und Bad und dann vielleicht noch einer eigenen Bedienung. Himmel das heisst, sich gemeinsam des Lebens, des ewigen Lebens erfreuen. Dazu eine jüdische Geschichte:

Ein Rabbi bat Gott: "Lass mich doch einmal einen Blick in den Himmel tun!"

Gott erfüllte seinen Wunsch und sandte seinen Propheten Elija als Führer.

Der Prophet führte ihn in eine große Halle. In der Mitte brannte ein Feuer und wärmte einen Topf mit einem Gericht, das den ganzen Raum mit seinem köstlichen Duft erfüllte. Um diese verheißungsvolle Speise waren Menschen versammelt, und ein jeder hatte einen langen Löffel an seine Hände gebunden. Doch die Löffel waren viel länger als ihre Arme, so dass sie ihren Mund damit nicht erreichen konnten. Dennoch sahen sie glücklich aus, gesund, zufrieden, voller Leben. Fröhliches Stimmengewirr und herzliches Lachen erfüllte den Raum. Das musste das himmlische Paradies sein. Um überhaupt mit den langen Löffeln essen zu können, wandten sich die Menschen sich einander zu. Jeder benutzte seinen riesigen Löffel, um einem anderen die Speise anzureichen. Jeder blieb besorgt, dass ein anderer satt wurde. Und so erhielt auch er selbst sein Essen, konnte satt werden und genießen.

Doch dann führte der Prophet den Rabbi in einen anderen Raum. Oder war es der gleiche? Alles sah ganz genauso aus: der Kessel mit der duftenden Köstlichkeit über dem Feuer, die Menschen rund um den Herd, die gleichen überlangen Löffel. Nein, es war nicht der gleiche Raum. Denn hier sahen die Menschen hungrig aus, grau, fröstelnd, hinfällig. Freudlos und missgünstig schweigend schauten sie mit leeren Augen vor sich hin. Und keinem kam in den Sinn, dem anderen zu helfen. Denn alle dachten nur an sich. Erschrocken und aufgewühlt ließ sich der Rabbi von diesem gespenstischen Ort hinweg führen. Er hatte genug von der Hölle gesehen.

Ja, liebe Gläubige. Wir reden nicht gerne darüber, aber wir rechnen damit, dass es diese zweite Möglichkeit auch gibt. Zwar spricht die Kirche immer wieder mal Menschen heilig, und sagt dadurch: Mit aller Gewissheit ist dieser Mensch im Himmel. Aber die Kirche hat noch von einem Menschen behauptet, dass er mit Bestimmtheit in der ewigen Finsternis ist. Nicht von einem Hitler, nicht von einem Saddam, oder Stalin. Von niemandem. Jedoch die Möglichkeit der Hölle besteht, weil ewiges Leben bedeutet, von der Liebe Gottes erfüllt zu werden und dadurch auch die anderen grenzenlos zu lieben. Das allerdings ist freiwillig. Gott zwingt niemanden sich von seiner Liebe erfüllen zu lassen.

Und hier haben wir auch den Platz für den Reinigungsort, den man früher und zuweilen auch heute noch Fegefeuer nannte, bzw. nennt. Ich erkläre mir das so: es gibt doch Menschen, die Hilfe nötig hätten, aber aus Stolz oder falscher Bescheidenheit diese Hilfe nicht annehmen. Ebenso gibt es Menschen, die Verzeihung nicht annehmen können oder wollen. Die in Selbstvorwürfen verharren, auch wenn von der anderen Seite her längst schon alles gut ist. So wird es auch nach unserem Tod sein. Wir sind eben nicht plötzlich andere, wir bleiben, die wir sind. Mit unserem Namen, mit unserer Geschichte, mit unserem ganzen Hintergrund. Der Glaube an die Auferstehung unterstreicht das nochmals. Gott wird uns unseren Leib wieder schenken bei der Auferstehung der Toten. Es ist unser Leib, natürlich gewandelt, aber doch unser Leib.

Zum Schluss noch ein Hinweis. Es heisst: niemand ist so schlecht wie sein Ruf und niemand ist so gut wie sein Nachruf. Tatsache ist: Nicht wir Menschen sind es, die darüber entscheiden, wie es im Seelengärtchen eines Menschen aussieht. Zum Glück ist es nach wie vor Jesus Christus, von dem die hl. Thérèse von Lisieux gesagt hat:

„Ich weiss, dass man ganz rein sein muss, um vor dem Gott, der der Inbegriff der Heiligkeit ist, zu erscheinen. Aber ich weiss auch, dass der Herr unendlich gerecht ist. Diese Gerechtigkeit, die so viele abschreckt, ist der Grund meiner Freude und meines Vertrauens. Gerecht sein bedeutet nicht nur den Schuldigen gegenüber Strenge walten zu lassen, es bedeutet darüber hinaus, die aufrichtigen Absichten anerkennen und die Tugend belohnen.“ Und weiter: „Mein Weg ist ganz Vertrauen und Liebe. Ich verstehe die Menschen nicht, die vor einem so mitempfindenden Freund Angst haben.“

Darum freuen wir uns, dass wir nicht bloss 90 plus ein paar Jahre werden!

Twitter-account von Papst Franziskus