Was meinen wir, wenn wir von Gott sprechen?

Das letzte Mal haben wir in unserer Reihe zum Glaubensbekenntnis gehört, dass es sehr wohl vernünftig ist, an Gott zu glauben. Wir haben gehört, dass es zum Glauben an Gott grundsätzlich zwei Wege gibt. Den Weg über die Offenbarung und den Weg über die Betrachtung der Natur.

So muss es uns eigentlich nicht wundern, dass nach wie vor weltweit ca. 80 % aller Menschen an Gott glauben, während ca. 20 % nicht an Gott glauben. Auch in Europa glaubt knapp 20 % der Bevölkerung explizit nicht an Gott. 30 % der Europäer glauben an eine höhere Geistesmacht und knapp 50 % glauben an einen persönlichen Gott.

Die Zahlen von Europa weisen auf eine Problematik hin, die gerne übersehen wird: Was ist mit Gott eigentlich gemeint? Ist Gott einfach eine höhere Macht, die über allem schwebt? Was meint der einzelne, wenn er von Gott spricht? Ist es wahr, dass alle Religionen den gleichen Gott verehren?

Ganz sicher ist, dass die Vorstellungen über Gott sehr unterschiedlich sind. Gerade hier werden wir an das alte römische Sprichwort „So viele Köpfe, so viele Meinungen.“ erinnert.

Gehen wir doch einige Meinungen und Ansichten über Gott durch:

1. Gott ist einfach eine höhere Macht, die alles geschaffen hat, aber sich jetzt nicht mehr um seine Geschöpfe kümmert.

2. Gott ist das Lebensprinzip und ist in allen Dingen präsent. Wenn ich einen Baum umarme, dann umarme ich dieses göttliche Lebensprinzip.

3. Gott hat alle Menschen geschaffen, damit sie ihm dienen und wehe, wenn sie es nicht tun, dann wird er zornig und bestraft sie.

4. Gott ist so etwas wie ein Polizist, der uns immer wieder ein schlechtes Gewissen macht, wenn wir nicht auf ihn hören.

5. Gott ist ein alter Mann, den man nicht mehr so ernst nehmen muss, denn es geht mir auch gut, wenn ich nicht bete.

6. Durch Opfer und Gebet manipuliere ich Gott, damit er genau das macht, was ich will.

Oder 7. Gott ist zu vergleichen mit einem Puppenspieler, der uns alle an den Fäden rumführt.

8. Ähnlich der Variante 7, nur dass dabei noch der Teufel mitmacht. Die Menschen sind so bloss noch Statisten bei diesem Kampf zwischen gut und bös.

All diese zunächst abstrakten Definitionen haben natürlich auch ihre Konsequenzen. Gerade in den Varianten 7. und 8. bleibt die menschliche Freiheit auf der Strecke. Wir kennen vermutlich alle die „Entschuldigung“: Ich weiss gar nicht, welcher Teufel mich jetzt geritten hat.

Wenn Gott wie ein Polizist ist, der gerne Bussen verteilt, dann helfe ich Gott, indem auch ich zum Rechten sehe und dabei auch Gewalt anwende bis zum Extrem des religiösen Terrorismus.

Nicht umsonst heisst es, dass das Wort Gott – analog zu Liebe – der am meisten missbrauchte Begriff sei.

Dementsprechend liegt die Überlegung nahe, von Gott überhaupt nicht mehr zu sprechen. Schliesslich heisst es ja sogar in den zehn Geboten, dass man den Namen Gottes nicht verunehren soll. Aber ist das auch sinnvoll? Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. Wovon nicht mehr gesprochen wird, das wird gern vergessen. Und wenn zu anderen Zeiten und in anderen Kulturen das Wort Gott zu oft in den Mund genommen wurde, bzw. nach wie vor wird – im Sinn von: im Namen Gottes ziehen wir nun in den Krieg. So wird doch bei uns Gott kaum mehr in der Öffentlichkeit genannt.

Das hat zwar den Vorteil, dass bei uns über Gott und über den Glauben selten mehr gestritten wird. Jedenfalls haben die Krawalle, die dann und wann toben, bei uns keinen religiösen Hintergrund. Aber Gott droht in unserem Kulturkreis fast völlig in den Hintergrund zu treten was dann bewirkt, dass die positive Kraft, die der Glaube uns schenken kann, nicht mehr wahrgenommen wird.

Aber wie sollen wir jetzt von Gott reden? Als Christen gibt es für uns eigentlich den einfachen Weg über die Evangelien. Im 1. Kapitel des Johannesevangeliums heisst es: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ All das, was Menschen bis anhin über Gott sagten, war nicht einfach falsch, aber halt doch zum Teil einseitig oder verzerrt. Hier schenkt Jesus durch seine Worte und Taten das nötige Licht. Durch Jesus wissen wir, dass Gott sich für uns, für jeden einzelnen interessiert. Wir wissen, dass er für uns das Leben in Fülle bereithält. Wir wissen, dass Gott aus uns das Beste machen willen, das heisst Gott fordert uns auf, nach der Vollkommenheit zu streben. Wir wissen aber auch, dass er uns auf diesem Weg durch seine Barmherzigkeit helfen will.

Jesus fasst das alles zusammen, indem er uns den Namen Gottes offenbart: Abba, Vater, guter Vater. Natürlich, auch das Wort Vater ist für viele Menschen wieder vielfach belastet. Gerade darum ist für das richtige Verständnis von Gott, unserem Vater das Lesen der Evangelien so nützlich. So können wir unsere Vorstellung von Gott unserem Vater ergänzen und allenfalls auch läutern. Das ist nicht nur für uns Gläubige wichtig. Das Konzil hat seinerzeit erklärt: Einige machen sich ein solches Bild von Gott, dass jenes Gebilde, das sie ablehnen, keineswegs der Gott des Evangeliums ist.

Lassen wir unsere Gottesvorstellungen immer wieder von Jesus läutern und ergänzen, damit wir den Menschen Gott immer mehr so vorstellen können, wie er ist:

                                   über alles liebenswert.

Twitter-account von Papst Franziskus