Für wen haltet ihr mich?

Wessen bisch? oder Woher chunnsch? fragen wir unter Umständen, wenn wir auf jemanden stossen, von dem wir vielleicht knapp den Namen kennen und halt doch gerne etwas mehr wissen möchten. Und wenn auch nicht immer als Antwort ein ganzer Stammbaum geliefert wird, so hilft uns meist doch die Auskunft das Gegenüber ein wenig einzuordnen. Jesus fragt heute ganz ähnlich. Aber er fragt nicht nach dem Gegenüber, sondern er will wissen, für wen die Leute ihn halten. Die Antworten sind vielfältig: Johannes der Täufer, Elija oder sonst einer der Propheten.

Was wäre, wenn Jesus heute fragen würde? Eine Antwort könnte sein: Gab es ihn denn wirklich? Da dürfen wir getrost antworten: Kaum eine Persönlichkeit der Antike ist so gut belegt wie Jesus Christus.

Aber wenn es ihn denn wirklich gab? Wer war er? Was war er? Der bekannte Urwaldarzt Albert Schweitzer war von aus eigentlich Theologe. Bevor er nach Lambarene in Gabun zog, ging er folgender Frage nach. Für was alles wurde Jesus in der Forschung gehalten. Er kam zum erstaunlichen und ebenso ernüchternden Ergebnis: Bürgerliche Forscher entdeckten in Jesus den angepassten Bürger par excellence, wieder andere erkannten in Jesus den Anführer einer frühen Armutsbewegung in der römischen Klassengesellschaft. Schweitzer verfasste 1913 folgende vernichtende Kritik: „Menschen, die gar nicht dazu qualifiziert sind, deren Ignoranz geradezu verbrecherisch ist, die über die wissenschaftliche Theologie hochfahrend schelten, statt sich auch nur einigermaßen mit ihren Forschungen vertraut zu machen, fühlen sich gedrungen, ein Leben - Jesu zu schreiben, um in einer von vornherein unhistorischen Schilderung ihre religiöse Weltanschauung zur Darstellung zu bringen. Und das Abstruseste findet Beifall und wird gierig von der Menge verschlungen.“

Es muss uns nicht erstaunen, dass Jahrzehnte später die Nazis Jesus als blonden Arier vereinnahmten. Und wenn nach den Nazis Jesus als Revolutionär, Hippie und Ehemann von Maria Magdalena entdeckt wurde, dann sagt das weniger über Jesus aus, als vielmehr über die Menschen, die eine solche Vorstellung von Jesus propagieren, ganz nach dem Satz von Feuerbach: Und der Mensch schuf Gott nach seinem Abbild. Hier setzen wir statt „Gott“ einfach „Jesus“ ein.

Alles in allem ist es sicher sinnvoller, wenn man gleich einmal die Menschen fragt, die Jesus noch persönlich gekannt haben. Die Frage ist natürlich auch hier: Sind die Menschen, die Jesus persönlich kannten und von ihm erzählten, auch vertrauenswürdig? Nach dem was wir wissen lautet die Antwort: Ja! Denn, die Jünger Jesu hatten von ihrer Lehre keinen Vorteil, sie hatten keinen materiellen Gewinn und gewannen auch nicht an Prestige. Es gibt noch ein anderes Argument: Wir haben kein antikes Dokument, das behauptet: diesen Jesus gab es gar nicht. Klar, zeitgenössische Autoren schweigen über die Existenz Jesu, aber beim Aufkommen des Christentums kam es keinem in den Sinn zu sagen: Diesen Jesus gab es gar nicht.

Und was sagten die Zeugen Jesu? Von Petrus wissen wir die Antwort: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“ An anderen Stellen trägt Jesus folgende Titel: Heiliger Gottes, Sohn Davids, Sohn Gottes, Menschensohn, König der Juden, Erlöser (Heiland), Lamm Gottes, Hoherpriester, Logos, guter Hirte, Brot des Lebens, Licht der Welt, Rabbi/Meister/Lehrer, Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung und schlussendlich auch Kyrios, d.h. der Herr. Über jeden Titel gäbe es einiges zu sagen. Aber „Kyrios“ ist besonders sprechend. Im griechischen Alten Testament wurde er anstelle des Gottesnamens JAHWE verwendet. Denn die Juden sprachen und sprechen diesen heiligen Namen aus Ehrfurcht nicht aus, sondern lesen noch heute anstelle von JAHWE Adonai, was eben mein Herr heisst.

Im Grossen Glaubensbekenntnis heisst es deshalb zu Recht: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott.“

Das ist die offizielle Antwort der Kirche. Jesus ist wahrer Gott vom wahren Gott, der Mensch geworden ist. Jesus fragt allerdings nicht einfach nur: "Für wen halten die Leute den Menschensohn?" Heute fragt wie damals die Apostel uns: "Für wen haltet ihr mich?" ich persönlich bin also gefragt. Für wen halte ich ich Jesus Christus. Geben wir eine echte persönliche Antwort, aber vergleichen wir unsere Antwort mit dem, was die ersten Zeugen über Jesus gesagt haben, damit nicht auch uns der erhellende Kommentar von Albert Schweitzer trifft.

 

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