Ein Mensch – fiel aus welchen Gründen auch immer – in einen sehr tiefen Brunnen. Zum Glück war das Wasser nicht tief, so dass er nicht ertrank. Und doch: Seine Situation war mehr als ungemütlich. Schliesslich waren die Wände des Brunnens glitschig und sehr hoch. So fluchte der Mensch zunächst einmal so vor sich hin, schimpfte über den, der den Brunnen ausgehoben hatte, und über den Umstand, dass der Brunnen nicht eingezäunt war.

Nachdem er sich einigermassen beruhigt hatte, rief der Mensch um Hilfe. Das hörte jemand, kam zum Brunnen und rief dem Menschen unten zu: „Du musst dich nur anstrengen! Du kommst hier schon irgendwie raus. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!“ So mühte sich der Mensch mit grösster Anstrengung ab, kletterte einige Meter hoch und … und fiel wieder runter. Da rief er erneut um Hilfe. Jetzt kamen gleich mehrere „Helfer“ herbei. Einer davon sagte: im Grunde genommen bist du doch selber schuld. Hättest Du besser aufgepasst, dann wäre dir das nicht passiert. Jetzt kannst du ein wenig dafür büssen, dass du unbedacht hier rumspaziert bist.

Ein anderer begann zu philosophieren er sagte: „Im Grunde ist doch alles nur Schaum und Traum. Alles vergeht, löst sich auf und verschwindet im Nichts. Du da unten musst das nur von dieser Perspektive her anschauen. Darum weiss ich nicht, wem es besser geht: dir, der du schon unten bist, oder mir, der ich noch runter fallen könnte.“

Da fiel ihm ein kräftiger Mann ins Wort und sagte: „Hör auf mit deinem Gedudel. Hier braucht es nicht Worte, sondern tatkräftige Hilfe.“ Warum auch immer hatte er ein langes Seil bei sich und liess es in den Brunnen runter. Doch unterdessen war der Mensch im Brunnen bereits soweit erschöpft, dass es ihm unmöglich war, mit Hilfe des Seiles hochzuklettern.

Endlich löste sich einer aus den Reihen und liess sich dem Seil nach in die Tiefe des Brunnens gleiten. Dort packte er den unterdessen völlig erschöpften Menschen auf seinen Rücken und kletterte mühsam langsam den Brunnen hoch. Als er oben angekommen und der gefallene Mensch gerettet war, war der Retter selber dermassen erschöpft, dass er noch am Brunnenrand verstarb.

Natürlich ist dieser Retter niemand anderer als Jesus Christus, der Gottessohn selber. Von ihm heisst es im Glaubensbekenntnis: gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes.

Aber diese Parabel bezieht sich nicht nur auf diesen Satz des Glaubensbekenntnisses. Sie streift auch die grosse Frage der Menschheit nach dem Übel. Einige Antworten haben wir gehört: Das Übel ist gar kein Übel, es ist nur eine Sache der Einstellung, ob wir etwas als Übel empfinden oder nicht. Oder du bist selber schuld. Bzw. schuld sind die andern.

Sicher ist das mit der Schuld immer so eine Sache. Jesus verwehrt sich kurz vor der Heilung des Blindgeborenen irgendjemandem eine Schuld für das Blindsein zuzuschreiben. Andererseits sagt er einmal nach einer Heilung. Geh hin und sündige von nun an nicht mehr, damit dir nicht noch schlimmeres passiert. Es gibt also einen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen schlechten Taten und Übel. Aber eben, der Zusammenhang ist geheimnisvoll.

Und es zeugt von grosser Weisheit, nicht bei jedem Leid nach dem Schuldigen zu suchen. Zu oft wurden Menschen zu Sündenböcken gemacht und die wahren Ursachen verkannt, z.B. bei Naturkatastrophen oder Seuchen.

Dennoch: die Bibel beschreibt das Eintreten des Übels in die an und für sich gute Schöpfung mit dem Sündenfall, der Abkehr des Menschen von Gott. Diese Abkehr ist möglich, weil Gott den Menschen in Freiheit geschaffen hat. Und das hat dann natürlich auch nicht immer schöne Folgen. Ein kleines Beispiel. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er noch die Wahrheit spricht. Die Lüge zerfrisst also das zwischenmenschliche Vertrauen und hat deshalb nicht nur Folgen für den Betrogenen, auch nicht nur für den Betrüger, sondern für viele rundum.

Und das das nicht einfach nur Schaum und Traum ist, das wissen wir. Sicher, Leid kann aufgebauscht werden, wie es der Philosoph andeutete. Denken wir zum Beispiel an die Geranien, die nicht recht blühen wollen oder an die Setzlinge, die die Schnecken wegfressen. Das ist im Grunde genommen kein Leid, auch wenn es im Moment ärgert. Aber es gibt auch Leid, das nicht aufgebauscht wird. Denken wir an die Opfer von Krieg und Terror, Hunger und Seuchen. Oder bei uns: ein lieber Mensch wird aus der Mitte seiner Familie herausgerissen. Es gibt also echtes, schweres Leid. Aber Gott lässt uns in unserem Leid nicht allein. Er hat uns seinen Sohn Jesus Christus gesandt. Er hat nicht nur den Lösungsweg gezeigt, er hat ihn auch nicht bloss, sondern ist ihn selber gegangen. 

Ich weiss: das alles tönt sehr schön. Vielleicht zu schön, so dass der Verdacht entstehen könnte: Das alles ist doch nur eine Idee, die nichts mit der Geschichte der Menschheit zu tun hat. Gerade deshalb heisst „gelitten unter Pontius Pilatus“ Beim Leiden Christi handelt es sich nicht um eine Fiktion, es ist keine schöne Idee, sondern brutale Wirklichkeit.

Daran erinnert uns jede Kreuzesdarstellung. Danken wir Jesus, wenn wir ihn am Kreuz erblicken, dass er uns im Leid nicht allein lässt, sondern selbst in die tiefsten Abgründe des Menschseins hinabgestiegen ist, bis hinab in das Reich des Todes.

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