Ein kleines Kapitel Urner Kirchengeschichte

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Die erste geschichtliche Notiz über das Bistum Chur stammt

 

aus dem Jahre 451, lesen wir im Jubiläumsbuch

 

«1500 Jahre Bistum Chur» (NZN Verlag Zürich 1950).

Die Legende meldet als ersten Glaubensboten in Raetien den Namen des hl. Luzius, der seinerzeit König von England war, sich mit, seiner Schwester Emerita zum Christentum bekehrte, als Glaubensbote über Augsburg nach Chur kam, sich dort in einer Höhle niederließ und an einem 3. Dezember vor oder nach dem Jahre 200 - als Heiliger (nach den einen auch als Märtyrer) starb. Seine Schwester Emerita hatte schon früher den Glaubenstod erlitten. Das Verhältnis Uris zum Bistum Chur ist heute noch ein provisorisches, obwohl es schon über 150 Jahre existiert und schicksalhaft mit demjenigen von Schwyz und Unterwalden verbunden ist, denn «älter noch Bundesbrief ist die kirchliche Einheit Waldstätte», schrieb Dr. Johannes Vonderach im ob genannten Jubiläumsbuche. Da war seit «Urzeiten» ein Waldstätterkapitel, das 1819 aus begreiflichen Gründen sehnlichst wünschte, dass «die drei Urkantone bei jeder künftigen Bistumsorganisation nicht getrennt werden».

 

Bis dahin hatte Uri zur Diözese Konstanz gehört, der grössten in Deutschen Landen, zu deren Dekanat Luzern die fünf Sextariate Luzern, Uri, Schwyz, Nid- und Obwalden gehörten. Sitz des Kapitels war Luzern. Die Urner hatten es aber bereits damals verstanden, sich auch in kirchlichen Dingen abzusichern. So schwangen sie sich durch Bündnisse mit dem Papst und die Päpstliche Schweizergarde, deren erster Kornmandant Kaspar von Silenen war, zu «Defensores libertatis ecclesiasticae», auf, zu Beschützern der Freiheit der Kirche, was ihnen nicht unbedeutende zusätzliche Rechte, wie zum Beispiel das heute noch gültige Recht. zur Besetzung von Pfarrpfründen eintrug. Dafür blieben sie in den Glaubenswirren ihrem Titel «Defensores» treu, der ihnen von Papst Julius II. - dessen Banner heute noch hoch in Ehren gehalten wird - verliehen wurde.

 

Trotzdem wurde der Traum von einem Innerschweizer Bistum nie verwirklicht. Immerhin erreichte man die Schaffung einer ständigen Nuntiatur in der Schweiz, wobei dieser Nuntius vorübergehend auch in Altdorf residierte, und 1605 wurde ein bischöfliches Vikariat für .die fünf .Alten Orte geschaffen. Mit der Französischen Revolution wurde die Frage eines schweizerischen Bistumverbandes wieder aktuell, erwies sich aber derart kompliziert, dass die Tagsatzung, im Jahre 1806 die «Entschleierung des schweizerischen Bistum-Rätsels» den Ständen übergab. Schwierigkeiten mit Konstanz führten 1813 in Gersau zu ersten Abtrennungsverhandlungen und ein Jahr später zu einem offiziellen Schreiben an den. Papst, das 1815 mit, der Schaffung eines apostolischen: Vikariats positiv beantwortet wurde.

 

Die Frage, ob ein Bistum aus allen ehemaligen konstanzischen Ständen erwogen werden sollte, beantwortete der Papst dahin, dass er für Uri entweder ein Anschluss an das geplante Bistum Einsiedeln, das dann wieder fallen gelassen wurde - oder aber an Chur in Frage käme, welchem Ursern schon seit jeher unterstellt war. Nachdem einem eventuellen Bistum Waldstätte kein Erfolg beschieden war, übertrug der Papst 1819 die kirchliche Verwaltung der konstanzischen Bistumsteile dem Bischof von Chur, unter dessen Administration die, Urkantone blieben, während sich Luzern 1828 dem Bistum Basel verschrieb. Und damit ging die 700- jährige Geschichte des Vierwaldstätterkapitels zu Ende.

 

Nun begann ein Kapitel, das heute noch nicht fertig geschrieben ist. Verschiedene Ereignisse machten die Urner bockig, so dass der definitive Anschluss noch auf sich, warten lässt, obwohl Schwyz 1824 mit dem guten Beispiel vorangegangen war. Zwar verzichtete die Bündner Regierung 1916 auf den «llanzer Artikel», wonach der Bischof von Chur immer ein «bündnerischer Landsmann» sein müsse, und so beschäftigte man sich nochmals mit der Unterzeichnung des Bistumsvertrags, was um so näher lag, als im gleichen Jahr 1928 der Bürgler Dr. Antonius Gisler zum Weihbischof ernannt wurde. Sein früher Tod im Jahre 1932 verhinderte aber seine Wahl zum Bischof und damit den eventuell spruchreifen Abschluss des hundertjährigen Vertrages. Heute scheinen die „Aktien“ wieder zu steigen, nachdem mit Bischof Dr. Johannes Vonderach ein Urner der Diazöse vorsteht. Möge es ihm beschieden sein, diese mühsamen Verhandlungen bald einem glücklichen Ende zuführen zu können.

 

Der Urner nahm und nimmt seine religiösen Pflichten ernst, wenn er auch nie an Ausreden verlegen ist, wenn es um seine Bequemlichkeit geht. So darf es als fröhlich- historische Reminiszenz gelten, nach welcher Berechnung er seinen Glauben buchstabengetreu lebte, wenn man liest, dass im Jahre 1528 verfügt werden musste, dass während der Fastenzeit jeder Viehverkauf und Viehtrieb nach auswärts, „besonders nach Konstanz und ins Ausland zu unterbleiben habe, um den alten christlichen Satzungen bessere Nachachtung zu geben wegen Enthaltung vom Fleischgenusse an Fasttagen“ wie Friedrich Gisler im „ Urner Geschichtskalender“, erschienen 1941 , festhält. Anderseits beschwerten sich die Innerschweizer an der dreiörtigen Konferenz vom 17.Oktober 1636 über die allzu vielen urnerischen Feiertage, welche die Wein- und andere Fuhren verteuerten. Frömmigkeit oder Absicht? Richten wir nicht. Betrachten wir auf unserem Rundgang durch die 20 Urner Gemeinden die zahlreichen schmucken Kirchen, Kapellen und Bethäuser, die christlicher Glaube im Laufe der Jahrhunderte unter grossen finanziellen Opfern errichten liess und heute noch lebhaftes Zeugnis guten Willens sind.

 

Kurt Zurfluh, UW 18. Jan. 1975