Buchhaltung im Jenseits - Das Buss- und Ablasswesen in der Innerschweiz im späten Mittelalter; Quelle: Geschichtsfreund Bd. 143, Dr. Ernst Tremp
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Buchhaltung des Jenseits

 

Das Buss- uns Ablasswesen in der Innerschweiz im späten Mittelalter

 

Quelle: Geschichtsfreund Bd. 143; Dr. Ernst Tremp / Bearbeitung: Sepp Huber, 2010 

 

 

Tod und Jenseits, Endgericht, Paradiesfreuden und Höllenstrafen waren dem sündigen Gläubigen, der beichtete und Busse tat, vielleicht unmittelbarer gegenwärtig als sonst in seinem Leben. Folgerichtig schliessen daher im Pastoralbüchlein Rudolfs von Liebegg [1] an das Buss-Sakrament die «letzten Dinge» an: Sterben, Tod und Begräbnis sowie Betrachtungen über die verschiedenen Aufenthaltsorte im Jenseits.

 

Die Krankensalbung mit Öl, die in der Frühkirche zur Stärkung des Kranken und zu seiner auch körperlichen Gesundung mehrmals vorgenommen werden konnte, war längst zu einem Sterbesakrament «in extremis» geworden. Sie wurde dem Kranken in der Regel zusammen mit der Krankenkommunion, dem sogenannten Viatikum, in seiner letzten Stunde gereicht. Wenn der Kranke den Priester rufen liess, hatte sich dieser unverzüglich auf den Versehgang zu begeben, mit Chorhemd und Stola bekleidet, die Hostie in einer Bursa an der Brust verhüllt tragend. Dem Priester wurden ein Leuchter und, nach deut- schem Brauch - wie Liebegg ausdrücklich festhält - ein Glöcklein vorangetragen. Wer der kleinen Prozession unterwegs begegnete, hatte niederzuknien sowie je drei Vaterunser und Ave Maria zu beten; dafür gewährte ihm die Kirche, gleich wie demjenigen, der den Priester begleitete, einen Ablass von zehn Tagen.

 

Krankenkommunion und Sterbesakrament zu spenden fiel in die Zuständigkeit des Pfarrers. In der Praxis stellte sich freilich das Problem, ob dieser einem Sterbenden die Tröstungen der Kirche noch zur rechten Zeit bringen konnte. In den vom Pfarrdorf weit abgelegenen Siedlungen der Alpentäler war dies zumal im Winter eine schwierige Sache. Es ist begreiflich, dass die Gläubigen sich darüber Sorgen machten und die Anwesenheit des Priesters nach Kräften sicherzustellen suchten.

 

Bei ihrem Bemühen, «die Kirche im Dorf» zu haben und die Errichtung einer eigenen Pfarrei mit eigenem Priester zu erreichen, begegnet daher die Sorge um die geistliche Versorgung der Sterbenden und die Bestattung der Toten in geweihter Erde immer wieder als einer der Hauptbeweggründe. So schilderten die Abgesandten der Einwohner des Schächentals 1290 vor dem Bischof von Konstanz eindringlich, wie ihre Leute im Winter wegen Überschwemmungen, Eis und Schnee ohne Viatikum und Letzte Ölung sterben müssten und es kaum möglich sei, die Leichen auf den Pfarrfriedhof nach Bürglen hinunter zu schaffen. Ähnlich begründeten hundert Jahre später die Bewohner von Sisikon am Urner See (1387) und von Illgau im Muotatal (1392) ihre Eingaben an den Bischof zur Lösung von den Mutterpfarreien Altdorf beziehungsweise Muotathal.

 

Die Schilderung der topographischen- und witterungsbedingten Erschwernisse auf dem Weg zur Pfarrkirche ist in den genannten Fällen genau, weitgehend frei von topografischen Wendungen und auch heute noch nachvollziehbar. Doch warum forderten die Leute an diesen abgelegenen Orten erst im 13. und 14. Jahrhundert eine eigene Pfarrei? Die Siedlungen in den Urner und Schwyzer Seitentälern bestanden doch spätestens seit der Ausbauphase des Hochmittelalters, und das gut erschlossene, fruchtbare Land von Sisikon war wohl gar schon im 9. Jahrhundert bewohnt. Was hat die Gläubigen dazu bewogen, erst so viel später ihre Priester- und Kirchenferne zu artikulieren?

 

Indem sie ihre Sorge um ein christliches Sterben und Begräbnis in den Vordergrund rückten, geben die Gläubigen selber die Antwort auf unsere Fragen. Inzwischen hatten sich die Vorstellungen von den jenseitigen Welten wesentlich gewandelt und präzisiert; die theologisch- dogmatische Diskussion des 12./13. Jahrhunderts hatte das Fegfeuer wenn nicht geschaffen, so doch in das Lehrgebäude der Kirche fest integriert. Mit der üblichen zeitlichen Verschiebung von hundert bis zweihundert Jahren veränderte sich nun auch das Frömmigkeitsverhalten des Volkes. Solange den abgeschiedenen Seelen nur Himmel und Hölle und ein undefinierter Zwischenraum offenstanden, blieben die Freuden des Para- dieses und wohl noch mehr die Schrecken der ewigen Höllenstrafen dem Einzelnen entrückt: Gar so schlecht konnte ein Getaufter, der die Gebote und Vorschriften der Kirche einigermassen befolgt hatte, nicht gewesen sein, dass er so ohne weiteres der ewigen Verdammnis anheimfiel.

 

Mit dem Fegfeuer änderte sich alles. Dieser mittlere Ort zeitlich begrenzter Sündenstrafen im Jenseits entsprach ganz dem mittelmässigen Leben, das jeder zu leben verspürte. Jetzt wurden die Qualen und Bedrohungen der Totenwelt individuell erfahrbar. So weiss der Minoritenbruder und Chronist Johannes von Winterthur im frühen 14. Jahrhundert von einem alten Meier zu Sarnen zu berichten, der zur Abbüssung seiner Sünden dem Weltleben entsagte und Küster wurde. Als er eines Nachts die Glocke läutete, wurde er von Armen Seelen überfallen und unter lautem Geschrei gewürgt. Der bedauernswerte Mann überstand die grauenvolle Erscheinung nicht unbeschadet: er verlor die Sprache und starb kurze Zeit darauf."

 

Jedermann hatte nach seinem Ableben mit einem mehr oder weniger langen Aufenthalt im Purgatorium zu rechnen. Über die Dauer entschieden neben der eigenen Lebensweise die Heilmittel der Kirche, die der Priester verwaltete und spendete. Nicht zuletzt, um ihrer in der Stunde des Sterbens gewiss zu sein, nahmen auch die Bewohner kleinerer Ortschaften die zusätzlichen Bürden auf sich, die mit der Errichtung und Ausstattung einer eigenen Pfarrei, mit dem Lebensunterhalt eines eigenen Priesters verbunden waren.

 

Abgesehen von topographisch- siedlungsmässigen Grenzfällen war die Versorgung der Sterbenden und der Toten durch die Kirche gewährleistet. Wo zwei oder mehr Priester sich in die Seelsorge teilten, kam es sogar nicht selten zu Konflikten um Kompetenzen und Stellvertretungen. Denn der Versehgang war mit ansehnlichen Einkünften verbunden. Zunächst hatte der Pfarrer, da er bei dieser Amtshandlung die Stola trug, Anrecht auf die Stolgebühr. Die Sakramentenspendung und andere geistliche Handlungen durften zwar grundsätzlich nicht von der Zahlung einer Abgabe abhängig gemacht werden, sie waren gratis, wie Liebegg im Anschluss an eine entsprechende Bestimmung des IV. Lateran- konzils festhält. Analog zur Beichte hatte sich jedoch die Gewohnheit eingebürgert, nach vollzogener Spendung eine Gebühr zu erheben.

 

 

 

 

Eine «Tarifordnung» von 1393, vertraglich vereinbart zwischen dem Pfarrer von Altdorf und den von einem eigenen Priester betreuten Leuten von Erstfeld informiert über die hier geltenden Gebühren. Es erstaunt nicht, dass ausgerechnet die Taxen für die geistliche Versorgung der Sterbenden und der Toten am einträglichsten waren. Kostete etwa die Spendung der Taufe die Eltern eines Kindes 4 Pfennige, so musste man für den Empfang des Viatikums mit vorangegangener letzter Beichte dem Pfarrer von Altdorf und dem Helfer von Erstfeld je 18 Pfennige geben. In diesem hohen Betrag waren gleich auch die Kosten für die kirchliche Beerdigung, die Begehung des Dreissigsten und den Eintrag ins Jahrzeitenbuch miteingeschlossen.

 

 

Die Gebühren waren für jedermann verbindlich. Gesondert zu bezahlen hatte man die Letzte Ölung: sie kostete einen Schilling. Bei Sterbenden, die ihre Seele über das übliche Mindestmass hinaus versichern wollten und sich dies leisten konnten, kamen weitere Seelgerätstiftungen hinzu. Wurde der Priester von Erstfeld in einen abgelegenen Hof geru- fen, dann hatte er Anspruch auf eine zusätzliche Entschädigung, die dem Vermögen und Ermessen des Einzelnen anheimgestellt war. Von wohlhabenden Gläubigen erwartete die Kirche eine Berücksichtigung im Testament. Mit dem Begriff der «canonica portio» umschreibt das Kirchenrecht den Anspruch, den gelegentlich der Bischof, normalerweise aber die Pfarrkirche und die für die Bestattung ausersehene Kirche auf einen bestimmten Teil des hinterlassenen Vermögens erheben durften. Richtete sich der kanonische Anspruch zwar primär auf die Hinterlassenschaft von Klerikern, so war laut Liebegg auch der wohlhabende Laie angehalten, je nach Brauch und Gegend bis zur Hälfte, in der Regel immerhin den vierten Teil aller seiner beweglichen und unbeweglichen Güter kirchlichen Einrichtungen und wohltätigen Werken zu verschreiben.

 

 

Die Durchsetzung solcher Erwartungen wusste die Kirche durch entsprechende Rechtsbestimmungen über das Testieren zu erleichtern. Während es nach kaiserlichem, das heisst römischem Recht für die Gültigkeit eines Testamentes sieben Zeugen brauchte, genügten nach kirchlichem Recht deren zwei. Für wohltätige Werke und Vergabungen an Kirchen reichte sogar eine schriftliche Willensäusserung ohne Zeugen. Und gesetzt der Fall, der Sinneswandel zugunsten der Kirche stellte sich erst im letzten Augenblick ein, bereits zu spät für die Niederschrift, dann konnte der Wohltäter dennoch getrost aus dem Leben scheiden. Die Kirche nahm sich seines letzten Willens an: Vorerst liess sie den Erben oder Testamentsvollstrecker ein Jahr lang gewähren, danach hatte sich nötigenfalls der Bischof einzuschalten und mit seiner Autorität dafür zu sorgen, dass der mündlich geäusserte Wunsch des Verstorbenen erfüllt wurde.

 

 

Es versteht sich, dass der Apparat der kirchlichen Hierarchie nur in gewichtigen, über die Verhältnisse der gewöhnlichen Leute hinausragenden Fällen bemüht werden konnte. Aber die Ausführungen über die letzten Dinge im Leben spätmittelalterlicher Menschen haben deutlich gemacht, wie wichtig es auch aus der Sicht der Kirche war, am Sterbebett präsent zu sein. Hieraus flossen ihr und ihren Amtsträgern wesentliche Teile der Einkünfte zu. An den Einnahmen entzündeten sich Konflikte; in Verträgen versuchte man, wie das Beispiel Erstfeld gezeigt hat, die Pflichten zwischen verschiedenen Geistlichen abzugrenzen und Verteilschlüssel zu finden. Deshalb sind wir über diesen Bereich des kirchlichen Lebens verhältnismässig gut informiert.

 

Als 1317 die Kirchgenossen von Altdorf in der Pfarrkirche eine Kaplaneipfründe errichteten, wurde es deren künftigem Inhaber ausdrücklich untersagt, ohne Geheiss des Leutpriesters die Sterbesakramente zu spenden. Dadurch wollten sich der Pfarrherr als Inhaber der cura anirnarum und seine Vikare nicht zuletzt vor unliebsamer, unkontrollierbarer Konkurrenz schützen. Eine Vereinbarung aus Sarnen zu Beginn des 14. Jahrhunderts setzte fest, dass der Pfarrer (Pleban) und der Präbendar in der Taufspendung und Krankenbetreuung einander Woche für Woche abwechseln sollten; bei der Verteilung der Einkünfte durfte hingegen der Pfarrer zwei Drittel für sich beanspruchen, der Helfer hatte sich mit dem Rest zu begnügen.

 

 

Schwieriger gestaltete sich die Ausmarchung dort, wo die Pfarrgeistlichkeit nicht unter sich war, sondern von aussen her Konkurrenz erhielt. Besonders gegen die Einmischung von Ordensleuten in die Sterbenden- und Totensorge wehrte man sich mit allen Mitteln. Dabei hatte der Pfarrklerus das Kirchenrecht auf seiner Seite: Es untersagte den Mönchen - immer nach unserem Gewährsmann Rudolf von Liebegg - unter Androhung von besonders schwerer Exkommunikation, die nur durch den Papst gelöst werden konnte, ohne Auftrag des Pfarrers Krankenkommunion und Letzte Ölung zu spenden. Um allen Versuchungen und Übergriffen vorzubeugen, war es einem Ordensmann übrigens streng verboten, als Testamentsvollstrecker zu amtieren; allein der Bischof konnte ihm eine solche Aufgabe übertragen.

 

 



[1]Liebegg, Rudolf von um 1275 , Juli 1332. Sohn des Ritters Arnold. 1294-1301 an der Univ. Bologna nachweisbar, Magister Artium. 1304 wurde L. Kanoniker in Beromünster, 1305 Scholaster, später Kirchherr in Inwil, 1309 Kantor in Zofingen. L. erhielt 1318 eine Dispens von der Residenzpflicht und nahm in Avignon das Stud. des kanon. Rechts auf. Ab 1320 war er Domherr in Konstanz, ab 1321 Propst in Bischofszell. L. wurde mehrmals als Schiedsrichter herangezogen. 1321 betraute ihn der Papst mit der Regelung der Vergabe einer Pfründe. Aus der Zeit in Beromünster sind Merkverse für die Verteilung der sog. "Singbrote" erhalten. Aus derselben Zeit stammt das 34 Verse umfassende und in leon. Hexametern gehaltene Gedicht über den Mord an Kg. Albrecht I., das L. kurz nach dessen Tod schrieb. Sein Hauptwerk ist das 1311-23 entstandene "Pastorale novellum de sacramentis et aliis traditionibus ecclesiasticis", das einen Umfang von sechs Büchern und 8'723 Hexametern aufweist. Das Lehrgedicht für Priesterkandidaten fasst, ausgehend von den sieben Sakramenten, den gesamten kanonist. und theol. Lernstoff jener Zeit zusammen. Es wurde im 14. und 15. Jh. zu einem weitverbreiteten Schulbuch. HBLS

 

 

 

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