Urkunden von 1637/38 aus der Jagdmattkapelle in Erstfeld

 

H. J. Lehner, P. Roubik (Staatsarchiv Uri) und F. Guex

 

Im Rahmen der Gesamtrestaurierung der Jagdmattkapelle wurde im Herbst 1978 der Innenverputz teilweise erneuert. Bei diesen Arbeiten stiessen Handwerker auf der Chorseite im Triumphbogen-scheitel auf eine vermauerte Nische, welche beim Kapellenneubau von 1637/38 angelegt worden war, und die bei allen bisherigen Renovationen unentdeckt blieb (der ursprüngliche Verputz überdeckte die Nische). In der Nische stand eine grünliche Flasche mit ausgeschlagenem Boden. In der Flasche steckten zwei gefaltete und ein gerolltes Dokument. Zwei der drei Dokumente, in Latein geschrieben, stammen vom damaligen Erstfelder Pfarrer, Nikolaus Thong (1629 bis 1671 im Amt), aus Bignasco im Maggiatal. Das dritte verfasste in ungelenkem Deutsch Jakob Stadler, ein Mitglied der Baukommission, beim Kapellenneubau. Diese Urkunden beinhalten vor allem drei Punkte, die uns neue Erkenntnisse vermitteln: Pfarrer Thongs genaue Schilderung der Jäger-Hirsch-Legende u. a. Hinweis auf die Bedeutung des grossen Felsens unter der südöstlichen Chorecke.  

Beschrieb Jakob Stadtler

Jn gotes namen Amen. Jn dem Jar du man zaldt 1637 hat gmeinen külchgnosen, alhie Zu Örschtfäldten gliept und gfalen dis lobwirdigv Schatz hüs by unser lieben Frouwen Jn der Jagmat wider um von nywem uf Zu Erbuen.

Ist der wägen Zu diser Zit kouf und lauf gsin

der mit kärmen hat by uns kost gl 14

der mit Rogen kost Ein gl 8 sch 20

Ein stein ancken kost bz 12

Ein pfundt gut Rindt fleisch kost sch 4 A 4

ds kalb fleisch dut ds pfundt sch 3

Ein pfundt fisch kost sch 10

Ein halb Ziger kost gl 4

Ein pfundt frischen käs sch 5

Ein gute milch ku kost K 25

Ein kuheüet kost gl 30

Ein mas milch sch 3

Ein mas win kost sch 16

Ein pfundt Jsen güldt Zu diser Zit sch 8

Ein dugaten güldt gl 4

Ein spanisch dube gl 7

Ein dugaduner güldt gl 2 sch 20

Ein Richs daler gl 2

Vil list und bethrug ist Jetz Jn dieser wäldt misgunst und verkunst findt man Zu Jetziger Züt um Ein Rächt gäldt

got sig uns gnädtig

 

Jacob Stadtler buwmeister

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gl: Gulden/ sch: Schilling/ A: Angster/ K: Krone?/ dugaduner: Ducatone (Silberkrone) /dube: Dublone / Kuheüet: Heu (Futter) für eine Kuh während eines ganzen Winters. (vgl. Altes Landbuch II S. 122 f. (Art. 372) Im Gegensatz dazu: «Kühessen» Kuhesset): Futter für eine Kuh während des Sommers auf der Alp.

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Beschrieb des Pfarrers

 

Im Jahre 1637 unter der glücklichen Regierung des hochgeachteten Herrn Landamman Johann Heinrich Zumbrunnen, Doktors des Rechts und der Medizin, und Statthalter Johann Walter Imhof , einem Mann von scharfem Verstand und sprachlicher Gewandtheit, sowie den Ratsherren von Erstfeld Erasmus Zberg , Kirchenvogt und alt Landvogt inder Leventina, Jakob Nell von gleicher Würde und Dorfvogt, Jakob Stadler und Johann Zurfluh wurde das Werk begonnen. Kapellenvorsteher waren namens des Rats und Volks von Uri Landesstatthalter Johann Walter Imhof und Herr Jakob Lusser , Seckelmeister von Uri; namens der Gemeinde Erstfeld Ratsherr Jakob Nell und Ratsherr Jakob Stadler, Fürsprech Niklaus Wipfli, der 1638 Erasmus Zberg im Amte folgte, ein Mann reifer an Geist als an Jahren, und Herr Landesfähnrich (Pannerherr?) Andreas Lyrer, der Kapellenvogt war und dessen Aufgabe Ende Jahr Jakob Schilliger übernahm. Letztere teilten sich später in die Aufgaben des Vorstandes, sodass sie an der Zahl nur mehr vier waren.

Es folgen die Namen der hochwürdigen Priester des Landes Uri:

Pfarrer in Altdorf ist der hochwürdige Herr Johann Melchior Imhof, Doktor der Theologie und apostolischer Protonotar; Kapläne sind Johann Twerenbold aus Luzern, Johann Huz aus Zug, Sebastian Muri, Herr Balthasar N. Herr Philipp Schürmann starb vergangenen Februar im Herrn; unverpfrundet am gleichen Ort sind Andreas Schuhmacher und Johann Heinrich Troger. In Bürglen sind Pfarrer Alexius Mutius aus Bignasco im Maggiatal, Balthasar Imhof von Uri, ein Bruder des Pfarrers von Altdorf, und Niklaus Ritter, der vor vier Jahren das goldene Priesterjubiläum feierte. Pfarrer in Silenen ist Johann Lauener, Kaplan Matthias Appenzhauser. In Erstfeld (Protocampis) ist Niklaus Thong, wie oben erwähnt, und den Dienst in der Kapelle versieht Johann Hubmüller aus Sursee. In Schattdorf ist Pfarrer Melchior Hertenstein aus Zürich, Sextar des Vierwaldstätterkapitels, ein ob seiner vielen Fähigkeiten berühmter Priester. In Spiringen ist Johann Kaspar Roman Bader von Uri, ein beredter Mann. In Attinghausen ist Paul Harnest vormals Dekan unter dem Bischof von Pruntrut, in Wassen Rudolf Leu, in Seedorf Johann Grüniger, in Seelisberg Johann Huwiler. In Isenthal zieht Sebastian Muri weg. Sisikon steht Johann Huz vor. Spiritual bei den Nonnen in Attinghausen ist Wilhelm Geishüsler. In Seedorf wirkt ein mir Unbekannter, in Flüelen Joseph Brütschli aus Sursee.

Eines darf ich nicht mit Schweigen übergehen, weil es zur Ehre des allmächtigen Gottes gereicht. Als die Zeit nahte, da nach bereits erfolgter Legung der neuen Fundamente die alten Mauern niedergerissen werden sollten, haben wir uns am Feste der heiligen Apostel Philippus und Jakobus vom ehrwürdigen Ort verabschiedet, und jedermann durfte das Bild der unbefleckten Mutter Maria und danach besonders auch das Antlitz Christi küssen; ausserdem wurde jedermann Wein zu kosten gegeben, worin die Reliquien der heiligen Anna, der Mutter Mariens, aus dem Ölberg hineingelegt worden waren. Man konnte vielfältiges Schluchzen und Seufzen hören und Tränen die Wange befeuchten sehen; was nicht verwundert, weil die Mauern, die während so vieler Jahre die Seufzer aufgenommen hatten, nun mit aller Feierlichkeit niedergerissen werden sollten, und keiner von uns der Gefahren des Lebens und der Tücken des Todes wegen wissen konnte, ob er die Pracht des neuen Gotteshauses sehen werde, was freilich für viele sich doch bewahrheitet hat. So grosse Frömmigkeit konnte nicht ohne Lohn bleiben. Denn als zur zweiten Abendstunde auch die Kinder hergeführt und hergetragen wurden, ward die fromme Frau Anna Giortsch plötzlich von einem drückenden Schmerz in der Achsel geheilt. Am Osterfest nach der Vesper (im gleichen Jahr) bin ich durch die Türe getreten, um nach dem Kirchenschmuck zu sehen. Ich habe niemanden gesehen, doch vieles wahrgenommen. Denn beim Haupteingang glaubte man viel Volk einströmen zu hören, das sich im Portale drängte. Ich suchte den Raum innerhalb und ausserhalb der Kapelle sorgfältig ab, konnte aber keine Ursache davon feststellen. Ich ging wieder in die Kapelle, in der Meinung, es befinde sich hinter dem Hochaltar, doch nachdem ich überall nachgesehen hatte, stelle ich dort ebensoviel fest wie bei der Türe. Was immer dies bedeutet, ist mir unbekannt, und allein dem, dem alles offenbar ist, bekannt. Vielleicht will der Allerhöchste wachsenden Zulauf für die Zukunft anzeigen. Gegeben zu Erstfeld auf dem Hochaltar, wo dieses eilig aufzuschreiben mir gut schien. Ich obgenannter, ein im Vergleich zu seinem Verdienst grosser Sünder (Psalm 50)14 Eingeschlossen wurde alles am 19. April 1638 Den Verputz, der die Malerei trägt, fand ich in den Mauern der Kapelle, welche im Jahre 1339 schon stand; weiteres andernorts.

Pfarrer, Nikolaus Thong