Jubiläum: Samstag, 29. Mai 2010, Urner Wochenblatt

Text: Annemarie Fariňa- Hirzel 

KIRCHE MIT GESCHICHTSTRÄCHTIGEN WURZELN

125 Jahre evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Uri                               

JUBILÄUM

 

Die 1885 gegründete «protestantische Kirchgemeinde des Kantons Uri» wurde 1983 zur «evangelisch-reformierten Kirchgemeinde des Kantons Uri» und 1986 zur «evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Uri». Sie gehörte von 1978 bis zu dessen Auflösung 2002 zum evangelisch reformierten Kirchenverband der Zentralschweiz, Nachfolger des Verbandes der protestantischen Diasporagemeinden in der Zentralschweiz und im Kanton Tessin. Seit 1. Januar 2003 ist sie als eigenständige Landeskirche Mitglied des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes.

 

Zuwachs dank Arbeitsstellen

 

Während Jahrhunderten war die Urner Bevölkerung ausschliesslich römisch- katholisch. «Der Bau der Gotthardlinie zog während der Jahre 1880 bis 1882 viele Arbeiter und Angestellte der grossen Unternehmungen aus der Schweiz und aus den benachbarten Ländern in das wilde düstere Reusstal.» So schilderte es Ernst Rippmann, Pfarrer in Erstfeld von 1910 bis 1921, in der Fest-schrift zum 75-jährigen Bestehen der protestantischen Kirchgemeinde 1960. Den Bauarbeitern folgte bald das Bahnpersonal. Bauten wie die des Kraftwerkes Amsteg (1918 bis 1922) oder später des Staudammes Göscheneralp (1955 bis 1962) brachten vorübergehend einen Zuwachs von Einwohnern und damit von Kirchenmitgliedern. Mit dem Bahnbau kamen die ersten Industrie-ansiedlungen im Talboden von Altdorf: die Sprengstofffabrik Isleten, die Eidgennössische Munitionsfabrik, die Dätwyler AG. Diese Betriebe und auch der Waffenplatz, damals Fortwache, in Andermatt, zogen eine grosse Zahl von Fachleuten verschiedener Berufe aus allen Kantonen der Schweiz an, unter ihnen viele Protestanten. Sie fanden sichere Arbeitsstellen und viele blieben sesshaft.

 

Gottesdienst im Schulzimmer

 

Es war der Privatier J. J. Rüfenacht, der sich als erster um die Bildung einer protestantischen Gemeinde in Erstfeld bemühte. Am 11. Januar 1885 stellte die Dorfgemeinde ein Schulzimmer als ständiges Gottesdienstlokal zur Verfügung. «Gottes Gnade über dem gastlichen Hause des Herrn Rüfenacht, über dem würdigen Präsidenten und über unseren Glaubensgenossen in diesem schönen Lande! Möge der himmlische Hirte uns helfen, die zerstreuten Schafe seiner Herde zu sammeln und zu weiden.» Diese Worte finden sich im Pastorandenbüchlein mit den Instruktionen, welche alle Berner Oberländer Pfarrer, "die im Kanton Uri vom 10. Mai 1885 bis zum 10. Oktober 1886 ihren Dienst taten, zu beherzigen hatten, «auf dass sich die Pastorationen in Uri möglichst fruchtbringend gestalten konnten». Das Büchlein enthielt ein Verzeichnis der Protestanten im Kanton und die Weisung, dass den gemischten Ehen besondere Aufmerksamkeit zu schenken sei ohne jeden Bekehrungsversuch bei den Katholiken.

 

Anfangs 420 Mitglieder

 

Am 11. Mai 1885 wurde im Kirchmattschulhaus in Erstfeld die protestantische Kirchgemeinde des Kantons Uri gegründet. Sie umfasste die damals zwischen Altdorf und Göschenen lebenden etwa 420 Einwohner evangelisch- reformierten Glaubens. Ein erstes Gesuch um staatliche Aner-kennung wurde am 21. Oktober 1896 vom Regierungsrat abgelehnt mit der Begründung, dass auch die Gründung und Organisation katholischer Pfarrgemeinden ohne staatliche Einmischung und Anerkennung erfolge. Die dritten Statuten vom 22. Januar 1905 enthielten das Stimmrecht für Witwen, ledige Töchter und mit katholischen Männer verheiratete Frauen. Dieses musste nach Anerkennung am 28. Dezember 1916 der protestantischen Kirchgemeinde des Kantons Uri als öffentlich-rechtliche Persönlichkeit mit eigener Steuerhoheit aus den Statuten gestrichen werden. Es dauerte fast vier Jahrzehnte, bis der Umer Landrat am 27. Dezember 1954 den protestan-tischen Frauen das Stimm- und Wahlrecht in kirchlichen Angelegenheiten gewährte. Längst schon sind auch die Ausländer stimmberechtigt. Das Jahr 1916 brachte nicht nur die öffentlich-rechtliche Aner-kennung, es wurde der reformierte Aargauer Adolf Dätwyler als Industriesanierer nach Altdorf gerufen, der später die Tochter des liberalen katholischen Landammanns Martin Gamma heiratete. Dies war ein wegweisender Schritt zur vermehrten Toleranz und Akzeptanz der Reformierten, die lange Zeit als «andersgläubig» galten.

 

1899 die erste Kirche

 

Bis zum ersten Kirchenbau wurden die Gottesdienste in Schulzimmern, Hotels oder auch Turnhallen gefeiert. Am 23. April 1899 erfolgte endlich die Grundsteinlegung für die Kirche in Erstfeld, die am 10. Dezember eingeweiht werden konnte. Die Bauschuld wurde Ende 1907 durch den protestantisch-kirchlichen Hilfsverein des Kantons Zürich getilgt, somit wurde die Kirche Eigentum der Gemeinde. Die Erstellung von vier Gotteshäusern ermöglichte der wachsenden Anzahl von evangelisch-reformierten Urnerinnen und Urnern den Gottesdienstbesuch. Der Bau der am 12. Dezember 1915 eingeweihten Kirche in Andermatt, damals noch weit weg vom Wohn-gebiet, wurde möglich durch Spenden des in Andermatt dienstleistenden Militärs, anderer Gönner sowie die damals grösste schweizerische Konfirmandengabe. Die neue Kirche in Altdorf konnte am 25. Mai 1924 geweiht werden und am 10. Dezember 1961 das moderne Kirchlein in Göschenen, wo zuvor seit 1946 die ehemalige Soldatenstube als Gottesdienstlokal diente, womit laut Chronist „ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen war “. Alle die kirchlichen Bauten und deren Instandhaltung wären bis heute nicht möglich ohne die seit jeher grosse Unterstützung des protestantisch- kirchlichen Hilfsvereins des Kantons Zürich. Er war bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur federführend bei den Bauten sondern ebenso bei den Pfarrbesoldungen und den Pfarrwahlen. Die evangelisch- reformierte Landeskirche ist dankbar, dass sie in ihrer Unabhängigkeit weiterhin eng verbunden ist mit dem Zürcher Hilfsverein und dessen Angebote in Anspruch nehmen kann.

 

Eine solidarische Gemeinschaft

 

Die evangelisch-reformierte Landeskirche Uri funktioniert seit jeher als solidarische Gemeinschaft mit lokalen Kirchgemeinden. Heute sind dies die Kirchgemeinden Altdorf und Umgebung (kurz: Altdorf) Erstfeld und Urner Ober (Erstfeld), Ursern Göschenen Andermatt). Von 1918 bis 1968 eine eigene Kirchgemeinde Göschenen sowie von 1922 bis 1969 eine eigene Kirchgemeinde Amsteg. Die historische Gottesdienstordnung für das Jahr 1930 listet Gottesdienste in Erstfeld, Altdorf, Amsteg, Gurtnellen, Göschenen und Andermatt auf. Die Gottesdienste fanden in Amsteg jeweils um 14.15 Uhr im Schalthaus des Kraftwerkes der SBB statt, in Gurtnellen zur selben Zeit im Sitzungszimmer der ehemaligen Karbidfabrik und in Göschenen um 14.00 Uhr im Schulhaus. Bis 1930 lebte die Mehrheit der Protestanten im Gebiet der Kirchgemeinden Erstfeld und Andermatt. 1920 waren allein in Erstfeld 1119 Reformierte registriert, ein zahlenmässiger Höhepunkt. Ab 1940 bis in die Sechzigerjahre verteilten sich die Reformierten je hälftig auf Altdorf und Erstfeld - Andermatt. Heute ist das Verhältnis zwei Drittel zu einem Drittel, wobei diese Zahlen keine Rückschlüsse auf die pastorale Arbeit in den verschiedenen Kirchgemeinden erlauben.

 

Gelebte Ökumene

 

Wo noch an der ersten in Uri gefeierten Konfirmation am 25. Juli 1886 dem mehrheitlich katholischen Männerchor die Mitwirkung durch ein priesterliches Verbot untersagt wurde, wurde 1889 ein Kindergarten in Erstfeld gegründet, der 24 katholische und 9 protestantische Kinder aufnahm. Eine der beiden heutigen Kindergartenklassen wird seit 1972 im evangelisch-reformierten Kirchgemeindehaus geführt und noch immer vom evangelisch- reformierten Kindergartenverein unterstützt. Gemeinsame Feiern sind seit Jahrzehnten zur Selbstverständlichkeit geworden. Auch reformierte Trauerfeiern dürfen bei Bedarf in den geräumigeren katholischen Pfarrkirchen stattfinden. Weltgebets- und Tanzgottesdienstfeiern werden zusammen von katholischen und reformierten Frauen vorbereitet. Gemeinsame Aktionen während der Passions- und Fastenzeit finden statt. Kirchenmusiker beider Konfessionen begleiten die Gottesdienste hier wie dort. Auch heute sind die Evangelisch-Reformierten mit einem 5-Prozent-Einwohneranteil eine Minderheit in der Diaspora, die teilweise noch darum kämpft, nicht überhört zu werden. Die Zusammenarbeit mit der römisch- katholischen Landeskirche Uri funktioniert jedoch sehr gut. Was die Reformation bedeutet, ist an der Basis immer noch wenig bekannt: dass sie eben eine Kirchenreform und nicht ein Kirchenabfall war. Vieles, was heute selbstverständlich erscheint, ist nicht zuletzt der Reformation zu verdanken, etwa die Freiheit des Gewissens, die Entwicklung individueller Menschenrechte, die Wertschätzung von Bildung und Wissenschaft, die Einsicht in die Notwendigkeit religiöser Toleranz oder die Überzeugung, dass Konflikte, selbst Glaubenskonflikte, am besten im Diskurs gelöst werden.

 

Die Arbeit mit den Jungen ist existenziell

 

Die Kirchgemeinden haben sich ein Stammpublikum erhalten. Die Altersstruktur hat sich jedoch in den vergangenen 25 Jahren verändert. Eine aktuelle schweizweite Studie stellt fest: «Die gesellschaftliche Entwicklung und der damit einhergehende Mentalitätswandel - weg von Pflicht und Akzeptanzwerten hin zu Selbstentfaltungswerten - treffen die Kirchen hart und stellen sie vor grosse Herausforderungen. Die Kirchen werden kleiner und ärmer, ihre Mitglieder älter.» Die Kirchgemeinden der evangelisch-reformierten Landeskirche bemüht sich erfolgreich, diesem Trend entgegen zu wirken. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist existenziell und die Mithilfe der Eltern gefragt. Zum Überleben braucht eine Organisation ein Minimum an einsatzwilligen Personen. In dieser Hinsicht ist der Fortbestand der Kirchen mit einem Fragezeichen behaftet. Symptomatisch ist, dass die Freiwilligenarbeit in der evangelisch-reformierten Landeskirche Uri mehrheitlich von Frauen geleistet wird. Kirchenrat und Kirchenpflegen zählen gegenwärtig 13 Frauen und sechs Männer, wobei seit 1997 das landeskirchliche Präsidium durch Frauen gehalten wird. Europa, die Schweiz und damit der Kanton Uri sind durch die christlich-abendländische Kultur geprägt. Dieser soll Sorge getragen werden auch im Hinblick darauf, dass sich die traditionelle Schweizer Bevölkerung zunehmend üben muss im Zusammenleben mit fremden Glaubensgemeinschaften.

.

Die Feierlichkeiten anlässlich des Jubiläums

 

Die evangelisch-reformierte Landeskirche Uri feiert ihr 125-Jahr-Jubiläum wie folgt: am Sonntag, 30. Mai, 10.00 Uhr, Festgottesdienst mit geladenen Gästen in der Kirche Erstfeld; am Sonntag, 13. Juni, 9.30 Uhr, kantonaler Gottesdienst in Göschenen mit Apéro; vom 24. bis 26. September, Kirchenfest in Altdorf.